Steingedanken 35
Montag, 07. April 2008Hallo Steineflüsterer,
eigentlich habe ich noch nie über Steine nachgedacht – aber wenn ich so durch meine zwei Wohnungen gehe – eine kleine auf dem Land, eine kleine in der Stadt - sehe ich überall kleine Steine liegen. Den einen, am Strand von Hiddensee aufgesammelt, ein Hühnergott, schwarz-weiß, durch dessen Loch in der Mitte ein Bändel gezogen wird. Er wird dann dort im Hühnerstall aufgehängt, damit die Hühner eben mehr Eier legen. Oder ein „Fast–Bernstein“, ebenso von Hiddensee. Leider ist es ja den Touristen nicht gegönnt, aus der Gischt an der gefährlichen Westküste der Insel, große Bernsteine zu fischen und sie dann ehrfürchtig zu betrachten, milchig-gelb, hellbraun oder fast rotbraun-durchsichtig, bis 50 Millionen Jahre alt - da klopft das Herz! Daneben liegt ein fränkischer Muschelkalkstein, mit der Aufschrift „Röttingen 2002“. Damals habe ich einer Delegation aus dem Senegal mit einem Winzer zusammen den fränkischen Weinbau mittels meiner bescheidenen Französischkenntinisse näher gebracht. Oder die kleinen, fast muschelartigen Steinchen aus dem Main, gesammelt bei einem sonnigen Spaziergang in Veitshöchheim. Der Gigant meiner Steinsammlung, nicht der Größe wegen, sondern der Nichtigkeit wegen, ist ein schwarz–weiß gemusterter Stein aus dem Morteratsch– Gletscher aus dem Engadin. Dorthin bin ich zusammen mit meinem Mann, der viel zu sportlich ist für mich, 7 km bergauf mit Langlaufski gewandert und hatte am Ende tatsächlich noch die Kraft, mich nach diesem seltenen Stein zu bücken, der nun schon über 20 Jahre seinen Stammplatz an der Stehlampe hat. So kommt immer mal wieder ein Neuling in meine Sammlung, wie vor ein paar Wochen ein Granit aus dem Ortlermassiv, einfach so aufgehoben, gegen den Protest meines Mannes, im Koffer seien genug unnütze Dinge, aufgehoben, weil’s Skifahren grad so schön war, dass man hätt jodeln können! Und dann noch der Herzförmige, ich kann mir seinen Namen nicht merken!
Ich muss ihn wieder zurückgeben, er ist von meiner Tochter. Sie hat ihn mir geliehen für schlechte Zeiten. Ich habe ihn wirklich manchmal Tag und Nacht in den Händen gehalten, bis er ganz heiß war – und es hat geholfen. Jetzt bewahre ich ihn noch ein bisschen bei mir auf, bis ich sicher bin, dass ich ihn nicht mehr brauche. Meine Tochter bekommt ihn dann gerne zurück, in der Hoffnung, dass sie ihn nie mehr braucht!
So sind die Steine unvergesslich – aber irgendwie denkt man nie darüber nach!
P.S.: Schnell noch zu erwähnen, die kleinen Halb- und Edelsteinchen, die bei mir zu Hause in Schächtelchen und Döschen aufbewahrt und manchmal getragen werden. Jeder hat seine Geschichte: Aquamarine zum 50. Geburtstag, Granate zur bestandenen Prüfung, eine Koralle zu Weihnachten. Alle Ereignisse hätte man längst vergessen, hätte man diese Steinchen nicht als Erinnerung.
Gisa
Würzburg, den 30. 03. 08
Und noch ein P.S.:
Hallo Peter, ich habe diesen Text im Bett geschrieben, weil ich krank war und komme erst jetzt dazu, ihn in den Computer zu tippen (zu Deiner Erleichterung, wegen Deiner legendären Zweifinger-Hack-MethodeI). Ein paar Tage danach habe ich in der Main-Post den Artikel über Dich gelesen und finde ihn sehr gelungen. Auch das Foto ist sehr aufschlussreich. Ich denke mal, meine Steinsammlung kommt da auf jeden Fall nicht mit, aber interessant ist, dass ich im kleinen mache, was Du im großen Stil aufbaust. Weiterhin viel Erfolg und Spass!