Stanislaus Klemm ” Ich bin ein Kieselstein “

Ich bin ein Kieselstein……
hell und dunkel, flach und rund, eisenhartes Quarzgestein.
Ich stehe im Ruf der Unerbittlichkeit,
ein harter Fels gegen blinde Gewalt
und dennoch ein wehrloser Halm im Wind endloser Wiederkehr,
ein Schneeball in der Wärme ewiger Berührung,
flacher Strand für Wellen grauer Gewohnheit,
Perle aus dem grünen Meer der Wandlung.

Irgendwann und irgendwo abgebrochen vom großen Mutterfelsen,
Abbruch und Aufbruch,
ein kleines Lied im Tanz der vier Winde.
Ich wurde eingetaucht in den Lebensstrom,
ständig umspült und umspielt
von Wellen weicher Widerstände.
Für den blauen Gletscher war ich nur ein Murmelspiel.
Grenzenlose Auseinandersetzung mit Grenzen,
Stein auf Stein, Stein neben Stein
schleifen und geschliffen werden,
bei Wind und Wasser
keine Ruhe.

Es ist nicht die blanke Gewalt, die so sehr verändert,
es ist die sanfte Gewohnheit,
die ständige Wiederkehr,
die Wiederholung,
das tägliche Schleifen deiner Worte
an der Seele deiner Kinder,
an der Seele deiner Partner, deiner Partnerinnen.
Mit jeder Welle deiner Kritik
reibst du an der Zuversicht, an ihrer Hoffnung, an ihrer Kraft.
Manche Sätze deiner Eltern klingen dir heute noch im Ohr,
Wasser bricht Stein, Worte brechen Menschen.

Ich bin ein Kieselstein..
ein geduldiger Stein, geschliffen vom Wasser, Wind und Wellenschlag.
Ein Opferstein.
Ich wurde bearbeitet, werde gefeilt, werde geschunden werden.
Ein langer Weg verlorener Träume,
Abschied ohne Wiederkehr.

Nimm mich in die Hand,
dann kannst auch du deine Träume zählen,aus denen du entstanden bist.
Auch du kannst deine Ecken spüren, all die vielen Seiten,
du kannst den Raum erfassen, der dich umgab,
als dein Herz noch voller Hoffnung war
und voller Möglichkeiten.
Auch du kannst deine Träume zählen,
die man dir genommen
im Austausch gegen Pflicht und Wirklichkeit.
Der Schleifstein rückt auch deiner Seele näher,
deine Bedeutung verliert an Gewicht,
deine Haut wird dünner,
und es wächst die Zahl der großen Pläne,
die unmerklich
dir aus den Händen gleiten.
Ich bin ein Kieselstein, ein glatter Stein,
ein Handschmeichler,
ich passe mich an,
ein glatter Aal, ein Stein im Windkanal.

Ich bin ein Kieselstein…
ein harter Stein, ich schleife die Steine neben mir.
Ich bin ein Schleifstein.
Ich verändere, verletzte und schlage.
Ich forme und präge.
Ich bin ein schlafloser Widerstand,
eine rastlose Ungeduld.

Nimm mich in die Hand, und du ahnst, wie fest ich bin,
wie unerbittlich,
und doch so angenehm in deiner Hand.
Eine Flußperle, ein Edelstein.
Was ich bedingungslos erlitten,
was mir Gestalt und Seele gab,
das gab ich weiter an den nächsten Kiesel neben mir.
Ich bin Ohnmacht und Macht,
Opfer und Täter zugleich.

Zwar wachsen immer neue Wunden,
dort, wo mein Meißel trifft.
Doch verhindere ich den Stillstand,
ich fördere Reife und Entwicklung.
Ich weiche keinem aus,
gehe auf jeden ein,
lasse nichts durchgehen,
biete meine Stirn,
niemand kommt an mir vorbei,
wenn es weitergehen muß.
Ich bin der Stein der Auseinandersetzung,
der Stein der Vollendung.
Mein Druck macht Eindruck.
Ich bin der Stein des Anstoßes.

Dennoch bin ich ein unfertiger Stein,
werde immer kleiner, weniger, immer runder.
Bald bin ich ein Sandkorn, ihr findet mich wieder im Sandsturm,
im Sandsteingebirge,
ich bin ein Wanderstein.

Stanislaus Klemm

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