Steingedanken 62
Die Großfamilie saß artig beim Kaffee, ich schlenderte – ein pupertierender Jugendlicher – über den freien Platz vor dem Lokal. Es war ein Weg am Waldrand. In Gedanken, nebenbei mit Augen den Boden scannend. Ein grauer Stein war anders als die anderen. Ich blieb stehen. Er sah grob behauen aus, als hätte ein menschliches Wesen ihn gestaltet – oder auch die Natur mit Hilfe des Zufalls . Er hatte die Form eines Keils. Ich hob ihn auf, spürte die kühle, scharfe Glätte. Wärmte ihn in der Hosentasche. Später sagte mir jemand, den ich für kompetent hielt – und er sagte es mit Verblüffung in den Augen – „Du hast einen Faustkeil gefunden. Das ist ein Steinzeitwerkzeug.“ Ich nahm ihn in die Hand, wie man ein Schabwerkzeug führt – das Gefühl war unbeschreiblich. Als hätte jemand diesen Stein so zugschlagen, dass er genau in meine Hand passen würde – mehr – als wäre er ein fortgesetzter Teil meiner Hand. Verwachsen in meinem Kopf .Vor Jahren habe ich den Stein meinem Sohn geschenkt. Vor sieben Jahrtausenden, als Menschen eben begannen, häuslich zu werden, hat ihn jemand – womöglich – ebenfalls einem anderen weitergegeben.
Ulrich Gineiger