Grenzsteine - Stanislaus Klemm
Es gibt noch einen anderen Aspekt, der mich persönlich an Steinen stets fasziniert. Wenn man so wie ich an der saarländisch/lothringischen Grenze wohnt, kann man auf so vielen Waldspaziergängen noch auf alte bemooste Grenzsteine stoßen. Steine als Symbole für “Grenzwertiges”. Die Erfahrung mit solchen „Nahtstellen“ in unserem Leben ist sehr vielfältig, und es ist schon bemerkenswertwert, warum wir immer wieder Steine verwenden, um damit diese Grenzlinien in unserem Leben symbolisch auszudrücken. “Grenzsteine” markieren schon sehr früh “Mein” und “Dein”. Eine lange und deutungsvolle Geschichte hat zum Beispiel die unendliche Vielfalt der „Grab-Steine“ an der Grenze zwischen der Erfahrung des Sterbens und der Hoffnung der Auferstehung. An der zeitlichen Grenze von Gestern und Heute setzen wir in wichtigen Bauvorhaben gerne unsere „Grund-Steine“. Um anzudeuten, dass in der Taufe die „alte“ in die „neue Schöpfung“ aufgenommen wird, halten wir den Kopf des Täuflings über einen „Tauf-Stein“. Wenn wir in Gottesdiensten unseren menschlichen Bereich mit dem des Göttlichen eine Verbindung aufnehmen lassen, so tun wir das bevorzugt auf einem „Altar-Stein“. Wenn wir uns an den berühmten alttestamentlichen Traum von der „Jakobsleiter“ erinnern, so treffen wir wieder an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum, Bewusstsein und Unterbewusstsein, im Auf-und Abstieg von Erde und Himmel wiederum einen „Stein“, auf dem der Träumende seinen Kopf gelegt hat, vgl. GENESIS 28, 11. Immer wieder sind es diese „Grenz-Steine des Lebens“, die uns so augenfällig und so spürbar ein äußeres Zeichen geben, hier an einem wichtigen Ort, an einem wichtigen Zeitpunkt zu sein, an der Berührungslinie von so verschiedenen, sich aber unbedingt ergänzenden „Welten“, der Welt der Erfahrung und der Welt der Hoffnung; Welten, die wir nicht abgrenzen dürfen, weil sie sich berühren und ein Ganzes bilden müssen. An dieser Grenze zwischen Tod und Leben müssen wir zwar nüchtern anerkennen: “Ja hier stoßen wir hart an die Grenze von Erfahrung, an die Grenze von Verständnis, von Beweis und Sicherheit, aber hier ist eine Situation, die unser Herz einlädt zu springen, zu springen über alle Gräben des Zweifelns hinweg.
Ich liebe die Steine und betrachte die „stummen“ Geschöpfe gewissermaßen als „Freunde“, deren Anblick und Gegenwart mir in vielen Stunden, in vielen schwierigen Situationen Halt und Zuversicht bedeuten.


