Eine Steingeschichte

„Der Stadtrat in Florenz hatte einen großen Marmorblock bestellt und einen Bildhauer beauftragt, daraus eine Figur zu meißeln. Entweder war der Bildhauer kein sehr großer Bildhauer, oder der Stein war schlecht gebrochen - der Bildhauer wusste mit dem Block nichts anzufangen. Er sah keine Möglichkeit, aus diesem Marmor eine Figur herauszuholen. So lag der große Block herum. Die Versuche des hilflosen Bildhauers hatten ihm nicht gut getan. Andere Bildhauer kamen, schauten und gingen wieder. Mit diesem Stein war nichts mehr anzufangen.
Eines Tages kam Michelangelo, der berühmte Maler und Bildhauer, in seine Vaterstadt. Ob ihm der Stein aufgefallen war oder ob man ihn darauf aufmerksam gemacht hatte - er begann sich mit ihm zu be-schäftigen. Er schaute ihn an. Er schätzte seine Maße. Er maß ihn ab. Er überlegte. Immer deutlicher sah er vor sich, noch in Stein, die Figur, welche die Florentiner wünschten. Er sah den David, die Schleuder auf der Schulter, die Kieselsteine in der Hand, wie er gelassen und gelöst zum Kampf gegen Goliath ausschritt.
Die anderen sahen nur einen Steinblock, der unnötig und unbrauchbar im Weg lag. Michelangelo sah bereits den David. Er sah ihn in dem verpfuschten Marmor. Er nahm Hammer und Meißel und begann zu arbeiten. Die Neunmalklugen lachten. Wussten sie doch, dass aus diesem Block nichts mehr werden könne. Er aber meißelte. Während sie noch redeten, argumentierten und bewiesen, dass er, auch er, scheitern werde, wuchs unter seinen Händen eine der großen Plastiken der Welt.“
AUTOR UNBEKANNT

3 Antworten zu “Eine Steingeschichte”

  1. Stanislaus Klemm sagt:

    Zum rechten Bild (Steinquader)
    fiel mir ein:

    “In der Mittagsglut
    schärft die Sonne ihr Messer
    an kalten Steinen.”
    ERNST FERSTL

  2. mARTina Jäger sagt:

    zumlinken bind…
    das ist ein fragezeichen :-)
    “wo ein stein liegt, ist da auch der weg?”
    scheint es mir zu zurufen….

  3. claudia sagt:

    ab durch die mitte
    wo sonne scheint *smile*

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