RENE VÖGTLI
ICH HABE DAS UNIVERSUM VERÄNDERT
„Auf dem Pfad liegt ein Stein. Der Pfad ist gesäumt von einer Mauer. Kunstvoll sind Felsbrocken aufeinander, ineinander gebaut. Kein Zement. Keine kleinen Steine. Der Handwerker war ein Künstler. Dieses Handwerk beherrschen heute nur noch wenige Menschen. Wir können Computer bauen. Aber solche Mauern…
Ich weiß nicht, wie alt sie sind; die ganze Landschaft ist terrassiert und von solchen Mauern gefasst. In der hiesigen Mythologie wurde dieser Ort als besonders fruchtbar erwähnt. Es muss einmal alles grün gewesen sein. Jetzt ist alles grau, sandig, karg. Die einzige Farbe wird vom strahlenden Himmel gespendet, von der gleißenden Sonne und dem blendend weiß gekalkten Pueblo, dem einzigen Gebäude weit und breit. Es ist aus Stein gebaut wie die Mauern.
Der Stein vor mir mitten im Weg ist klein. Ich hebe ihn auf. Er ist gerade so lang wie mein Zeigefinger und genau so dick. Eckig, nicht rund. Er fasziniert mich nicht wegen der Form, sondern wegen der nahezu symmetrischen Musterung. Über die ganze Länge ist zieht sich eine weiße Gesteinsfaser. Sie ist dunkelgrün eingerahmt. Soll ich ihn mitnehmen?
Ich lege den Stein auf die Mauer am Wegrand und setze meine Wanderung fort. Da liegt er nun. An einem anderen Ort. Ich habe das Universum verändert. Auch wenn der Stein vom Sturm zurück auf den Pfad geworfen würde, er wird nie mehr derselbe Stein sein. Ich habe ihn berührt. Er hat eine Weltreise gemacht.
Und ich? Wie oft bin ich schon um die Welt gereist. Ich bin immer in Bewegung und somit viel weniger beständig als dieser Stein. Ich vergehe.
Dieser Stein? Vielleicht vergeht auch er; in Millionen Jahren. So gesehen ist der Stein ein wesentlicherer Bestandteil des Universums als ich, ein beständigerer. Ihn zu bewegen heißt das Universum verändern. Ja, ich habe die Macht dazu. Vielleicht bin ich mit meinem Geist, mit meiner Mobilität, mit meiner Fähigkeit, dies alles zu überdenken, mächtiger.
Vielleicht mächtiger; bestimmt nicht beständiger
Und wer sagt mir, weshalb ich den Stein aufgehoben habe? Woher kam die innere Stimme, die mir gebot, dies zu tun? Wer sagt mir, dass dieser Stein kein Bewusstsein hat? Ist es nicht mein eigener Mangel an Bewusstheit, der mir diese Antworten verwehrt? Wer will beweisen, dass nicht dieser Stein der des Anstoßes war, dass er mich dazu brachte, ihn zu bewegen? Vielleicht wollte er ja auf die Mauer.
Und wer ist dann der Mächtige von uns beiden?“
aus: RENE VÖGTLI „Der Weltverbesserer“, Edition Zürich GmbH, Luzern 2003
Habe in den letzten Tagen trotz wechselhaftem Wetter einige Stunden im Steinreich verbracht. Viele Wunden sind nicht mehr sichtbar und einiges hat sich verändert. Werde zu Ostern keine Eier verstecken sondern Steine sammeln und versuchen das Universum etwas zu verändern.


