Steingedanken von Stanislaus Klemm

Da ich nicht weiß , ob alle Besucher der Steinseite auch die Kommentare lesen, erscheinen ab und zu steinige Kommentar- Gedanken noch einmal hier auf der Hauptseite.

Kurt Tuicholsky soll einmal sehr treffend, wenn auch etwas spöttelnd gesagt haben: “Alles ist wahr, auch das Gegenteil!”
Da kann man nur sagen: “Wie wahr!” Wir müssen uns nur einmal die Entstehung einer Tropfsteinhöhle vergewissern. Erst wird eine Höhle ausgewachsen und dann bilden sich unaufhörlich neue Steine. Beide Sprichwörter stimmen also:

“Steter Tropfen höhlt den Stein!”
UND
“Steter Tropfen wölbt den Stein!”

So ist es auch mit dem Bild des Steines, der plötzlich vom Grab Jesu weggewälzt war. In diesem Text ist natürlich der weggerollte Stein ein treffendes Symbol für die unfassbare Freiheit, dass das Leben über den Tod gesiegt hat. Die Last des Todes, die Last der Verzweiflung, die Last der Depression kann plötzlich wegrollen.
Aber der Stein vor einem Grab hatte auch die Bedeutung, den Leichnam zu schützen und die Lebenden zu schützen vor dem Geruch des Todes. So gibt es auch in unserer Seele manche Steine, die den Eingang von mancher tiefen Verletzung, von manchem Trauma dem Bewusstsein verschließen, damit der Mensch weiterhin in der Lage ist zu leben. Es ist manchmal die Weisheit der Seele, die uns schützt, manche Dinge nicht mehr zu erinnern. Wer trotzdem unbesehen und vorschnell manchen Stein ins Rollen bringt und der Seele so ihren Schutz nimmt, wird oft überrascht werden, welche schlimme Hypothek er sich damit einhandelt. Manche Dinge sollte man auch einmal hinter dem Stein liegen lassen. Wer es trotzdem immer wieder riskieren will, Dinge gewaltsam aufzudecken, dem sei ein Wort aus dem Gedicht “Der Taucher” von Friedrich Schiller erinnert:

“Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und mit Grauen!”

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