Der Herr der Steine
Ein Artikel aus der Mainpost / Würzburg vom 22.5.2010 von Gisela Rauch
Der Sammler
Jeder andere würde einen Stein mit der Spitze nach oben aufstellen - der Würzburger Peter Baumann nicht. Er wählt einen anderen Weg.
Was hält man von einem, der tonnenweise Steine sammelt? Sich danach bückt am Wegesrand, sie aufliest im Weinberg, sie Bauarbeitern abluchst, manchmal abkauft? Was hält man von einem, der vor dem Rückflug von Funchal nach Frankfurt Vulkansteine in seine Reisekoffer stopft, gelbliche, schwarze, rötliche Vulkansteine, jeder um die sechs Kilo schwer? Mit Zollbeamten verhandelt, damit sie ihn durchlassen samt seinen Steinen? Was hält man von einem, der zu Hause in seiner Würzburger Wohnung so viele Steine auf seine Küchenanrichte gelegt hat, dass er kaum Platz mehr hat, um Brot zu schneiden?
Steine: Für den Urgroßvater waren sie Brot. Der Urgroßvater habe, erzählt Peter Baumann, Steine geklopft im Steinbruch von Sollnhofen, der Großvater auch. Der Vater habe Kohle gehackt, unter Tage, im Ruhrpott, bis zur Kohlekrise. „Ich bin der erste in der Familie, der Steine nicht abbaut, sondern aufbaut“, sagt Peter Baumann. Anders als sein Urgroßvater, sein Großvater und sein Vater arbeitet er mit Steinen nicht, um sein Brot zu verdienen. Er karrt Steine, weil es ihn glücklich macht.
Baumann lässt den Motor seines Kombis an; ein Automatikwagen, neben der Schaltung liegen ein Feuerzeug und ein runder Stein. Er biegt in Theilheim in einen Pfad ein, der sich den Weinberg hochwindet, erst geradeaus, dann schräg links. Von oben sieht man den Randersackerer Marsberg, Südlage, dort wachsen prämierte Silvanerreben der Sonne entgegen. Überm Nordhang des Theilheimer Altenbergs liegt oft der Schatten – deswegen hat sich Baumann hier vergleichsweise günstig ein Grundstück kaufen können. Auf seinem Grundstück wächst kein Wein. Sondern Steine.
Es nieselt. Baumann kniet auf der feuchten Erde, zwischen die Finger nimmt er einen weißen, dreieckig geformten, handgroßen Stein. Jeder andere würde ihn mit der Basis nach unten, der Spitze nach oben hinstellen – nur Baumann nicht. Er lässt die Steinspitze nach unten zeigen, senkt den Stein langsam ab. „Das klappt nie!“, sagt die Fotografin. Baumann lässt seine Energien in die Hände fließen. Seine Fingerspitzen streicheln den Stein, als würde er leben, balancieren ihn aus, ziehen sich dann ganz langsam zurück. Der Stein steht. „Das glaube ich nicht!“, ruft die Fotografin. Baumann sagt, man müsse seinen eigenen Schwerpunkt gefunden haben, um den Schwerpunkt eines Steins erfassen zu können. Baumann hat viele der Steine auf dem Altenberg mit der schwierigen Seite nach unten aufgestellt. Nach allem, was er erzählt, ist er ein Mensch, der naheliegende Lösungen grundsätzlich scheut. Umwege, Auswege, andere Wege – die ist Peter Baumann offenbar lieber gegangen.
Angefangen hat er mit einem Architekturstudium, hat es auch abgeschlossen. Hat dann aber lieber statt im Architekturbüro auf dem Bau gearbeitet, sieben Jahre lang. Band sich dann mit einer Schreinerlehre, entdeckte gleichzeitig für sich das Theaterspielen. Und wurde nicht hauptberuflich Schreiner, sondern hauptberuflich der Clown „Batschu“. Beruf, Familie – alles lief gut. Lange zumindest. Bis zur Trennung von der Familie nach 25 Jahren. „Ich fiel in ein tiefes, schwarzes Loch. Hatte das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben“, sagt Baumann.
Jeder hat seine Art, mit Schwärze im Leben fertigzuwerden. Einer braucht nur Zeit, einer Medikamente, einer Freunde, einer Yoga. Peter Baumann braucht Steine. „Es fing damit an, dass ich den ersten Stein aufgehoben habe, beim Spazierengehen. Den habe ich mit nach Hause genommen, hingestellt; als Bestätigung, dass ich mich gezwungen habe, überhaupt rauszugehen.“ Den zweiten Stein stellt er neben den ersten; den dritten neben die beiden anderen. Jeder überwundene Tag ein Stein.
„Steine sind eine Verbindung zwischen Himmel und Erde“
Peter Baumann
Vielleicht helfen Baumann Steine, weil er durch die Geschichten seines steineklopfenden Großvaters, seines kohlehackenden Vaters einen Bezug dazu hat. Er schaut sie sich an, entdeckt die Flechten des einen Steines, die scharfen Kanten des zweiten, die poröse Substanz des dritten. Sieht Steine mit anderen Augen: Taufsteine. Grenzsteine. Wegsteine. Grabsteine. Seit altersher haben Menschen Steine aufgestellt, um ihre Erinnerungen zu verorten, zu binden an etwas, das länger da sein wird als sie selbst: Steine als Verbindung zwischen Erde und Himmel.
Als die Steine in seiner Wohnung überhand nehmen, packt Baumann sie in den Kofferraum seines Autos, lädt sie am Altenberg wieder aus. Macht dort das, was Kinder am Strand machen, wenn sie schöne Steine gesammelt haben: legt Muster, baut Mauern, errichtet Türme. Aber was für welche!
Die Fotografin, die jeden Tag Dutzende Fotomotive vor der Linse hat, mag trotz des Nieselregens gar nicht weg; sie richtet ihre Kamera auf einen mannsgroßen braunen Steinbuddha, der zwischen goldfarben angemalten Kugeln meditiert. Auf einen rotangemalten Stein, den Baumann seinem verstorbenen Freund gewidmet hat. Auf eine Steinhöhle, ein Steinlabyrinth, über dem vergilbte, tibetanische Gebetsfahnen flattern, und viele Steinmonumente, in die der Clown einfügt, was ihm passend erscheint, ohne sich ums Material zu scheren. „Da, eine billige Kugel aus dem Supermarkt, die ich verwittern lassen will.“ „Da, der Jesuskopf, den hat mir einer mitgebracht.“ „Da, die Eule! Sehen Sie? Das war mal ein Baum, der in Theilheim stand, immer total schön geschmückt an Fronleichnam. Dann wurde er umgehauen, weil er vermodert war; da hab’ ich ihn mitgenommen.“
Sieben Jahre ist es jetzt her, dass Baumann mit Steinen lebt. 80 Tonnen Steine hat er in dieser Zeit mit dem Auto auf sein Weinbergsgrundstück gefahren; das sind 400 Kofferraumladungen. Dazu kommen noch Steine, die ihm gebracht wurden von anderen Menschen: von der Frau zum Beispiel, die sich zu Beginn ihrer Krebstherapie einen Stein suchte, ihn während der Behandlungen behielt und ihn, nachdem der Krebs besiegt war, oben auf Baumanns Berg legte. Dort trotzen die Steinmonumente, die teilweise fragil aussehen, seit Jahren unbeschadet Regen, Schnee und Wind. Und Besuchern. Die meisten Spaziergänger, die vorbeikämen, freuten sich an den Steinen, sagt Baumann; nur ein einziges Mal hätten Jugendliche seine Türme demoliert, die Steine herumgeworfen. Er hat die Türme wieder aufgebaut; mit Bauchgrimmen einerseits, andererseits begleitet von herumflatternden Schmetterlingen.
Peter Baumann erlebt mit Freude, dass sich andere von seiner Begeisterung von Steinen anstecken lassen. Kinder vor allem, die, nachdem sie seine Steintürme gesehen haben, selbst zu bauen anfangen. Für sie erzählt er als „Peter der Steinflüsterer“ Geschichten von „Stolpersteinen“, „Liebessteinen“ oder von „Sandy, dem Sandkorn“. Kinder finden Baumanns Steinkreationen „schön“. Deren Mütter fänden das meist auch, sagt Baumann.
Aber die Väter, viele von ihnen jedenfalls, blieben außerhalb seines Steingartens stehen, mit verschränkten Armen, mit unzugänglichem Blick. „Ich weiß, dass sie sich denken: Was für ein Depp! Der hätt’ doch seine Zeit auch in etwas Vernünftiges investieren können.“ Ins Pflastern der Garagenzufahrt. In den Ausbau des Dachs. Oder wenigstens in den Aufbau einer soliden, hohen Steinmauer. Aber was andere von ihm halten, ist Baumann schon immer egal gewesen.
Die schönen Fotos konnte ich leider nicht kopieren.
www.mainpost.de/portraetserie
22. Mai 2010 um 16:31
Hallo Peter,
ein mit viel Neugier lesbarer Artikel. Ich hoffe, dass Dich nun eine Menge Menschen “anders” sehen, nicht mehr “sonderbar”, sondern “wunderbar”, ich auch!
25. Mai 2010 um 08:21
den artikel setz ich dann auch ins kunstforum…
lieber
sonderbarer, wunderbarer, artistischer, steinreicher peter
25. Mai 2010 um 21:08
Hallo lieber Peter,
ein sehr schöner Artikel ist da über Dich und Deine Steinereien entstanden
Steinreiche Grüße
Helga