Aufschlüsse , Jurgen Dahl

Aufschlüsse: so nennt der Geologe jene Stellen der Erdoberfläche, an denen die Steine bloßliegen und nicht mit Bewuchs oder Bebauung verdeckt sind: Steinbrüche, alte Schürfstellen, Straßendurchstiche, nackter Fels. Die Aufschlüsse geben Aufschluß über das, was unter der dünnen Humusschicht liegt – Schichten, Bänke, Klüfte, Linsen, mit Gesteinen, Grus, Mineralien, Erzen und Versteinerungen. Eine letzte Andeutung von der Lebensfarbe der geologischen Epoche, in welcher die Formation abgelagert wurde, ist oft in den Aufschlüssen noch wahrzunehmen: düsteres Devon, dunkle Sümpfe des Karbon, helle Vielfalt von Kreide und Tertiär, leblos-graue Tone im Bereich der Eiszeitgletscher.
Aufschluss suchen heißt, unter einem Wust von Auskünften nach Auskunft suchen darüber, wie das Einzelne den Zusammenhang anzeigt, in dem es steht; denn alles verschränkt sich mit allem weit vielfältiger und enger, als systemtheoretische Analyse und kybernetische Synthese auch nur andeuten können: Wandel und Beständigkeit, Ordnung und Unordnung, Ruhe und Bewegung stehen einander gegenüber – aber sie spiegeln sich auch ineinander, so dass ihre Strukturen sich überlagern. Das sind die Gebärden des Seins.

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