Blaise Pascal

Ich bin schon Milliarden Jahre alt. Ich lag drinnen – mitten in einem schweren Felsmassiv.
Ich weiß nicht, wie ich da hinein gekommen bin. 
Eine ungeheure Last drückte von oben und von unten und von allen Seiten.

Vor Jahrmillionen erzitterte die Erde von einem Erdbeben. Da öffnete sich der Felsen – ich fiel heraus und blieb in der Sonne liegen…
Ich bin unendlich lange dort gelegen, ohne etwas zu tun. Denn ich bin ein Stein.
Das ist meine Aufgabe, so zu sein, wie ich bin: hart, kalt und unfruchtbar.

Nachdem ich hunderttausende von Jahren dort oben, unter dem Gletscher gelegen habe, hat mich einmal bei einem großen Unwetter eine Mure mit viel Geröll mitgerissen und in einen Bach getragen.

In dem Bachbett habe ich wieder Jahrtausende gelegen.
Das Wasser ist ununtererbrochen über mich hingeflossen und hat mich mit Sand und kleinen Steinen ständig abgeschliffen.
Meine Ecken und Kanten habe ich verloren – und so bin ich allmählich glatt und rund geworden.

Dann hat mich einmal eine Schaufel aus dem Bach aufs Land herausgeschöpft, bis eine Menschenhand gekommen ist und mich mitgenommen hat – als Randstein für den Garten.

Es hat mir überall gut gefallen, wo ich gewesen bin – ich durfte sein, wie ich bin.
Und ich habe keine Sorge für die Zukunft. Man kann mich dorthin legen, wo man mich braucht…

Wenn der geworfene Stein Bewußtsein hätte, so würde er sagen: Ich fliege, weil ich will.

2 Antworten zu “Blaise Pascal”

  1. mARTina Jäger sagt:

    schöne geschichte…

    „ich durfte sein, wie ich bin“

    das wasser und der sand haben
    das SEIN beeinflusst.
    und ein anderer stein <an einem anderem ort
    wurde zu einem SEIN aufgrund anderer einflüsse.

  2. Stanislaus Klemm sagt:

    Lieber Peter,
    vielleicht würden uns ja diese urururalten Steine,
    wenn sie unsere Sprache hätten, daran erinnern:

    ● „Wir waren dabei,
    von Anfang an dabei und sahen das erste Grün der Algen, Wiesen Hecken, Bäume. Wir sahen goldene Ähren, roten Mohn und weiße Rosen.
    ● Wir waren aber auch dabei,
    von Anfang an dabei und sahen gelbe Tannen, kranke Wälder, Äste wie verdorrte Stümpfe, Blätter, eingerollt vor Schmerzen, Blei im Brot und Gift im Wein.

    ● Wir waren dabei,
    von Anfang an dabei und hörten den Herzschlag der ersten Tiere, den ersten Schrei der Adler, den Gesang der Nachtigall. Wir hörten Liebeslieder kluger Wale.
    ● Wir waren aber auch dabei,
    von Anfang an dabei und hörten den letzten Flügelschlag des Pelikans, bevor er im schweren Öl versank. Wir hörten den Schmerzensschrei geschälter Robben, das stumme Weinen im Labor und den Grabgesang der Raben.

    ● Wir waren dabei,
    von Anfang an dabei und staunten über das erste „Du“ des Menschen, wie er seine Sprache fand, wie das Werkzeug wuchs in seiner Hand. Wir staunten über Dichter, Sänger, Musikanten, Pyramiden, Dome, Mondraketen.
    ● Wir waren aber auch dabei,
    von Anfang an dabei und staunten über das Krebsgeschwür ihrer Wünsche, den Abgrund zwischen arm und reich. Wir sahen, wie Maßlosigkeit ihre Grenzen verwischte, wie Fortschritt aus der Bahn geriet, wie Verwirrung giftige Blüten und der Wahnsinn tödliche Früchte trieb.

    ● Wir sind die alten grauen Steine,
    das Urgestein.
    Wir waren dabei,
    von Anfang an dabei,
    bein Wahnsinn ohnegleichen.
    Du glaubst es kaum, es ist zum Stein erweichen.
    Was die Natur ans Licht gebracht, in tausendmal tausend und abertausend Stunden, der Mensch kann es zerstören
    in wenigen Sekunden,
    in wenigen Sekunden.“

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