Archiv für März 2010

Angst- Mut -Stein

Dienstag, 30. März 2010

Ich verbringe sehr viel Zeit mit Steinen und beschäftige mich auf verschiedenartigste Weise mit ihnen. Doch Steine zum Essen oder zum Bezahlen meines Lebensunterhaltes habe ich noch nicht gefunden. Aber auch noch nicht gesucht. Also muss ich mein Geld zum Leben wie jeder andere auch durch Arbeit verdienen.
In den Wochen vor den Osterferien gab ich an verschiedenen Schulen mit den unterschiedlichsten Klassen Zirkusworkshops. Aus dieser Zeit möchte ich euch heute mal eine kleine Geschichte erzählen. Außer Jonglieren, Akrobatik … gehören auch Fakirtechniken zu meinem Angebot. Nagelbrett, Scherbenlaufen. Bei fast allen Zirkustechniken braucht man Geduld und Ausdauer. Das ist für die Kinder oft frustrierend, denn viele sind es nicht mehr gewohnt, lange an einer Sache zu bleiben. Man muss ihnen immer wieder Mut machen, sie motivieren. Das ist echt Arbeit – für beide Seiten.
Bei Fakirtechniken ist das anders. Das kann jeder, der etwas Mut und Vertrauen hat, schnell lernen. Dort bekommen sie schnell ein Erfolgserlebnis.
Doch was hat das alles mit Steinen zu tun. Über heiße Steine lasse ich die Kinder doch nicht laufen. Wie heiß Steine werden können, hat jeder bestimmt schon mal im Hochsommer erlebt.
Das Nagelbrett, wie der Name schon sagt, besteht aus vielen Nägeln. Wenn man gleichmäßig auf die Nägel steigt tut es zwar auch noch etwas weh, aber man kann es ertragen. Vorher erzähle ich natürlich Geschichten über mentale Strategien der Fakire. Fast immer versuchen es alle Kinder.
Letzte Woche hatte ich nun folgendes Erlebnis. Die Kinder stiegen nacheinander auf das Nagelbrett und verzogen dabei mehr oder weniger ihre Gesichter. Angenehm ist das nicht. Ein Junge saß auf der klassischen Turnhallenbank und heulte. Am Anfang war er gar nicht ansprechbar. Ich versuchte es immer wieder. Schließlich erzählte er mir, dass er gerne auf das Brett möchte, aber furchtbare Angst hat. Mit allen Mitteln versuchte ich ihm immer wieder Mut zu machen, aber er schaffte den Schritt nicht. Fast alle Kinder waren mittlerweile auf dem Brett gestanden. Ich war fast mit meinem Latein zu Ende. Wenn jemand überhaupt nicht will, ist das was anderes. Doch er wollte und konnte nicht.
Als Peter der Steinflüsterer habe ich natürlich immer einen Stein in meiner Hosentasche oder im Rucksack. Da kam mir die Idee. Ich nahm mir den Knaben zur Seite und erzählte ihm über meinen magischen Stein. Ich habe ihn immer bei mir. Er gibt mir Kraft und Mut und vor allem kann er Angst nehmen. Erstaunlicherweise ging der Junge auf die Geschichte ein. Er hörte auf zu weinen. Nahm den Stein in die Hand. Drückte ihn. Gab dem Stein seine Angst und stieg auf das Nagelbrett. Trotz der leichten Schmerzen an seinen Füßen zog sich ein Lächeln der Freude über sein Gesicht. Er hatte es geschafft. Er war glücklich und stolz. Er hatte seine Angst überwunden.
Später beim Scherbenlaufen, was zwar gefährlicher ist aber nicht weh tut, hatte er keine Probleme. Die Erfahrung mit dem Nagelbrett war noch frisch und er stieg als einer der ersten auf die Scherben. Diesmal sogar ohne den Stein. Am Ende der Stunde strahlte der Junge. Er hatte für sich eine wunderbare Erfahrung gemacht. Erstaunlich welche Kräfte Steine doch haben wenn man sie zum richten Zeitpunkt in die Hand nimmt.
Den Stein habe ich dem Jungen für zukünftige, brenzlige Situationen geschenkt.
m301

RENE VÖGTLI

Montag, 29. März 2010

ICH HABE DAS UNIVERSUM VERÄNDERT

„Auf dem Pfad liegt ein Stein. Der Pfad ist gesäumt von einer Mauer. Kunstvoll sind Felsbrocken aufeinander, ineinander gebaut. Kein Zement. Keine kleinen Steine. Der Handwerker war ein Künstler. Dieses Handwerk beherrschen heute nur noch wenige Menschen. Wir können Computer bauen. Aber solche Mauern…
Ich weiß nicht, wie alt sie sind; die ganze Landschaft ist terrassiert und von solchen Mauern gefasst. In der hiesigen Mythologie wurde dieser Ort als besonders fruchtbar erwähnt. Es muss einmal alles grün gewesen sein. Jetzt ist alles grau, sandig, karg. Die einzige Farbe wird vom strahlenden Himmel gespendet, von der gleißenden Sonne und dem blendend weiß gekalkten Pueblo, dem einzigen Gebäude weit und breit. Es ist aus Stein gebaut wie die Mauern.

Der Stein vor mir mitten im Weg ist klein. Ich hebe ihn auf. Er ist gerade so lang wie mein Zeigefinger und genau so dick. Eckig, nicht rund. Er fasziniert mich nicht wegen der Form, sondern wegen der nahezu symmetrischen Musterung. Über die ganze Länge ist zieht sich eine weiße Gesteinsfaser. Sie ist dunkelgrün eingerahmt. Soll ich ihn mitnehmen?

Ich lege den Stein auf die Mauer am Wegrand und setze meine Wanderung fort. Da liegt er nun. An einem anderen Ort. Ich habe das Universum verändert. Auch wenn der Stein vom Sturm zurück auf den Pfad geworfen würde, er wird nie mehr derselbe Stein sein. Ich habe ihn berührt. Er hat eine Weltreise gemacht.

Und ich? Wie oft bin ich schon um die Welt gereist. Ich bin immer in Bewegung und somit viel weniger beständig als dieser Stein. Ich vergehe.

Dieser Stein? Vielleicht vergeht auch er; in Millionen Jahren. So gesehen ist der Stein ein wesentlicherer Bestandteil des Universums als ich, ein beständigerer. Ihn zu bewegen heißt das Universum verändern. Ja, ich habe die Macht dazu. Vielleicht bin ich mit meinem Geist, mit meiner Mobilität, mit meiner Fähigkeit, dies alles zu überdenken, mächtiger.

Vielleicht mächtiger; bestimmt nicht beständiger

Und wer sagt mir, weshalb ich den Stein aufgehoben habe? Woher kam die innere Stimme, die mir gebot, dies zu tun? Wer sagt mir, dass dieser Stein kein Bewusstsein hat? Ist es nicht mein eigener Mangel an Bewusstheit, der mir diese Antworten verwehrt? Wer will beweisen, dass nicht dieser Stein der des Anstoßes war, dass er mich dazu brachte, ihn zu bewegen? Vielleicht wollte er ja auf die Mauer.

Und wer ist dann der Mächtige von uns beiden?“

aus: RENE VÖGTLI „Der Weltverbesserer“, Edition Zürich GmbH, Luzern 2003

Habe in den letzten Tagen trotz wechselhaftem Wetter einige Stunden im Steinreich verbracht. Viele Wunden sind nicht mehr sichtbar und einiges hat sich verändert. Werde zu Ostern keine Eier verstecken sondern Steine sammeln und versuchen das Universum etwas zu verändern.

m292 m291 m293

Gedanken

Sonntag, 28. März 2010

In den letzten Jahren kamen wie gesagt immer mehr Menschen zu Besuch ins Stein- Reich. Mit vielen hatte ich nette Gespräche. Eine Frage stellten mir fast alle Leute : Hast du keine Angst, dass dir irgendwelche Vandalen mal alles zerstören? Meine Antwort war immer die Gleiche. Hätte ich davor Angst, so würde ich garnicht bauen. Angst lähmt und verhindert oft ein Tun. Mit dieser Einstellung bin ich jedes mal dort angekommen. Ich habe mir zwar nach solchen Fragen oft selber die Frage gestellt, was würde ich tun wenn es wirklich mal so einen Moment geben würde. Da es diese Tatsache nie gab, konnte ich es mir irgendwann mal nicht mehr vorstellen. Ich war mir sicher. Keiner wird es wagen , keiner ist so blöd. Doch es kam dann doch der Moment.
Den Schock habe ich überwunden und die Tat hat mich gedanklich bis heute beschäftigt. Es sind kurze Aussetzer an denen Menschen so etwas tun. In meinem Fall ist zum Glück kein Mensch zu Schaden gekommen. Da haben Personen halt aus Spass und Freude,Langweile, weil da zufällig so viele Steine rumlagen und Türmchen zum Zielwerfen, sich ausgetobt. Wahrscheinlich junge Menschen, für die Stein ein lebloses  Material ist, nichts Besonderes. Ich finde es nach wie vor saublöd und ich ärgere mich,aber ich kann es mir gut vorstellen wie so eine Situation entsteht. Eins kommt aufs andere. Das Gehirn setzt aus.Was dann passiert können wir jeden Tag in der Zeitung lesen. Jeder Krieg ist eine Kettenreaktion von Gewalt und Zerstörung. Hat man mal den Stein ins Rollen gebracht, ist er schwer zu stoppen.
Zerstören ist aggressiv. Wut – Macht- Gedankenlosigkeit.
Zerstört ist etwas sehr schnell – aufbauen dauert viel länger
Aufbauen ist Kraft – Vision – Ruhe – Zukunft
Ich habe mir viele Gedanken über Zerstörung und ihre Folgen gemacht. Doch da soll sich jeder selber seine Gedanken machen. Wo, wann und wer wird zerstört. Was hat das für Auswirkungen auf die Menschen, die Erde,Tiere, Pflanzen,Seelen ?
Aufbauen ist Energie -Zerstören ist kurzsichtig, egoistisch, rücksichtslos

Zerstören ist Moment – Aufbauen ist Zeit –         Zukunft

Ich möchte mich herzlich bei all meinen Stein -Freunden für ihr Mitgefühl  und die tröstenden Worte, bedanken. Für die auf – Mut- ernden Worte. Danke

m284 m285

Stein- Wort zum Sonntag

Sonntag, 28. März 2010

  • Markus 16,3: Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
  • Markus 16,4: Und sie sahen dahin und wurden gewahr, daß der Stein abgewälzt war; denn er war sehr groß.
  • m281 m282 m283